Lectio Divina

Wir befinden uns im Jahr 1150: Der Mönch Guigos lebt in der Grande Chartreuse, dem Mutterkloster der Karthäuser in den französischen Alpen nahe Grenoble. Dort verfasst er eine Schrift mit dem Titel «Scala claustralium», zu deutsch «die Leiter zu Gott»: Darin beschreibt er vier Stufen der Lectio divina. Die Lectio divina ist eine Form des Lesens in der Bibel. Lectio bedeutet schlicht und einfach Lesung (lesen). Es ist aber eine ganz besondere Art des Lesens, nämlich eine meditierende Art, ja eine göttliche Art, in vier Stufen: 1. lectio (Lesung): die Lesung der Bibel, 2. meditatio (Meditation): ständige Wiederholung eines Verses verbunden mit Meditation, 3. oratio (Gebet): Antwort an Gott und 4. contemplatio (Kontemplation): Verweilen in der Gegenwart Gottes und Vereinigung mit ihm.

Die Lectio divina ist eine Suche in der Bibel. Aber eine Suche nach was? Nach 2 Dingen: Gott und sich selber.

Im Kloster leben die Mönche ganz besonders aus der meditativen Lektüre der Schrift. Das menschliche Herz hat ein grosses Verlangen nach Liebe und Sinn, so gross, dass man dies mit einer grossen Klosterkirche vergleichen kann. Die Kirche ist oft dunkel, aber hie und dort scheint ein Sonnenstrahl hinein und erleuchtet die ganze Umgebung. So ist oft auch in uns dunkel und wir sehen und verstehen nichts. Aber durch die Worte der Heiligen Schrift bekommen wir einen Lichtstrahl, der uns zeigt, wo es lang geht. Sicher hat diesen Lichtstrahl damals auch Guigos in seiner Zelle erlebt.

Brezel

Eine frisch gebackene Brezel im Sortiment einer Bäckerei, wer könnte da widerstehen? Doch woher kommen die Brezeln eigentlich?

1595 wurde die erste Brezel im Bild „der Kampf zwischen Karneval und Fasten“ gemalt. Dort kann man auf die rechte Seite Frau Fasten mit vielen betenden und büssenden Leuten sehen und auf der linken Seite wird der Karneval mit seiner ganzen Pracht dargestellt. Die Brezeln liegen zu Füssen von Frau Fasten.

Die Fastenzeit ist in der katholischen Kirche eine 40-tägige Zeit der Vorbereitung auf das Osterfest. Diese Zeit ist geprägt von äusserer und innerer Busse, mit dem Ziel, das Herz zu erneuern für die kommende Feier der Auferstehung Christi.

Der Karneval kommt aus dem Lateinischen carne levare, das Fleisch wegnehmen, und bezeichnet die Zeit vor dem Aschermittwoch, bevor die Askese der Fastenzeit beginnt.
Genau in diesem geschichtlichen Kontext dürfte die Brezel als typische Fastenspeise entstanden sein.

Aber warum wird überhaupt in der Fastenzeit gefastet? Dazu hilft uns die Brezel.
Brezel stammt aus dem lateinischen Wort brachium, der Arm, weil die Form der Brezel an zwei verschlungene Arme erinnert.
Die verknotete Brezel deutet auf eine Umarmung hin. Aber wer umarmt wen? Im Gebet umarme ich Gott und Gott umarmt mich. Gibt es ein schöneres Symbol für die Erneuerung des Glaubens in der Fastenzeit?

Brockenhaus

Kürzlich bei einem Rundgang durch eines der Brockenhäuser meiner Stadt: In der Ecke, wo sich das Geschirr türmt, da entdeckte ich eine Tasse. Nicht irgendeine Tasse. Algengrün war sie und durch den Brennvorgang wies sie ein eigentümliches braunes Fleckenmuster auf. Sie ist ein Stück des ersten Tafelgeschirrs meiner Kindheit.

Längstens ist davon der letzte Suppenteller zerschlagen oder entsorgt worden, und so weckte die Tasse im Brockenhaus viele Erinnerungen. Ich konnte nicht wiederstehen und kaufte die Tasse für 4 Fr.

Brockenhäuser sind Fundgruben, es sind die Einkaufszentren für die, mit kleinen Budgets, es sind Orte für nostalgische Momente.

Brockenhäuser gibt es noch gar nicht so lange. Erst mit dem Beginn der industriellen Revolution, dem Beginn der Überproduktion und der ansteigenden Armut in den Städten entstand die Idee der Brockenhäuser.

1872 eröffnete der deutsche Pastor Friedrich von Bodelschwingh eine Anstalt für «Fallsüchtige» und betrieb dort zugleich eine Sammelstelle für Gebrauchtwaren, die günstig weiterverkauft wurden. Diese Sammelstelle nannte er Brockenhaus.

Pastor Bodelschwingh knüpfte dabei an ein biblisches Motiv an. Gleich an mehreren Stellen im Neuen Testament berichten die Evangelien von der wundersamen Speisung. Jesus segnet eine Handvoll Brote und Fische und lässt diese unter Tausenden verteilen. Als sich alle satt gegessen hatten, die übriggebliebenen Brocken eingesammelt wurden, füllten sich mehrere Körbe mit den Essens-Brocken. (Mk 6, 35–44; Mk 8, 1–9; Mt 15, 32–38; Mt 14, 13–21; Lk 9, 10–17; Joh 6, 1–13)

Auch heute lässt sich beim Schlendern durch das Brockenhaus so mancher Korb füllen oder man findet eben nur eine Tasse – diese jedoch randvoll mit Erinnerungen.

Antisemitismus

Ein Zugabteil, darin zwei Nonnen und ein junger Mann. Die ältere der beiden Nonnen fragt den Fremden verwundert, ob dieser etwa eine jüdische Zeitung lese. „Ja ich bin Jude und ich werde nach Jerusalem gehen, um dort unter Juden zu leben“ – antwortet der Fremde. Nach längerem Schweigen bricht es aus der jüngeren Nonne heraus, den Tränen nahe: „Jesus war so gütig, wie konntet ihr ihm das antun?“ Worauf der Jude antwortet: „Wissen Sie, junge Dame, ich war nicht dabei, als es geschah. Ich hatte an diesem Morgen einen Zahnarzttermin.“

Diese Szene erzählt der jüdische Schriftsteller Amos Oz so in seinem Roman Judas. Antisemitische Klischees und Haltungen, wie jene der Nonne, die mit ihrer Frage pauschal jeden Juden zum Mitverantwortlichen am Tod Jesu macht, sind bis heute weit verbreitet.

Der im 19. Jahrhundert entstandene Begriff Antisemitismus wird heute als Sammelbegriff für alle ideologisch und rassistisch begründeten Formen von Judenfeindschaft verwendet. Seine Voraussetzungen hat er im christlichen Antijudaismus der Antike. Die Tatsache, dass die jüdische Religion Jesus nie als Messias und Sohn Gottes anerkannte, führte spätestens seit dem Mittelalter zu tendenziösen Darstellungen von Juden in der christlichen Kunst und im Theater. Erst 1965 hat sich das Zweite Vatikanische Konzil in der Erklärung „Nostra Aetate“ für die antisemitischen Phasen in der Geschichte des Christentums entschuldigt.

Die jüdische Philosophin Hannah Arendt schrieb im Jahr 1941:

Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Mond sicher.

Der christliche Judenhass wurde in der antisemitischen Ideologie des Nazi-Regimes auf die Spitze getrieben. Hannah Arendt wies darauf hin, dass man vor Ideologien nirgends sicher ist. Selbst wenn man zum besagten Zeitpunkt einen Zahnarzt Termin hatte.

Jubiläum

Wenn mir heute jemand sagt „Du kommst ja auch nur alle Jubeljahre einmal…!“, dann weiß ich, dass ich in seiner Wahrnehmung öfter kommen sollte.

Am Weihnachtsfest des Jahres 1300 rief Papst Bonifatius VIII. zum ersten Mal ein annus iubilaeus, ein Jubeljahr, aus. Der Papst gewährte in diesem kalendarisch besonderen Jahr den Rompilgern einen vollständigen Ablass – damit gemeint: die Vergebung aller Sünden.

Das Jubeljahr hat seinen Ursprung im antiken Judentum. Im Alten Testament findet sich im Buch Levitikus ein Gesetzestext, nach dem alle 7×7 Jahre das 50. Jahr ein יוֹבֵ֥ל (jobel) Jahr zu sein hat. Das Wort jobel, von dem sich dann das lateinische Wort jubilaeus ableitet, bedeutet Widder. Es ist vermutlich eine Anspielung auf das Widder-Horn – ein Instrument, mit dessen Erschallen das jüdische Jobel-Jahr beginnt.

Gemäss der Bibel kam es für alle Bewohner des Landes in diesem Jahr zur Freilassung der Sklaven; zur Erlassung der Schulden; und zur Rückgabe von Landbesitz an die ursprünglichen Besitzer. Anders als bei Papst Bonifatius ging es ursprünglich beim jobel-Jahr weniger um moralische Schuld als vielmehr um wirtschaftliche Schulden. Da nach jüdischem Verständnis das Land letztlich immer nur Gott gehört, drückte das Jobeljahr die Hoffnung aus, dass der Gott Israels ein Barmherziger Gott ist. Ein Gott, der jedem Menschen – unabhängig jeglicher Schuld – nach 7×7 Jahren neu anfangen lässt.

Sollte mir mein Freund wieder einmal vorwerfen, ich käme ja nur „alle Jubeljahre einmal“, wird er sehen, dass er masslos übertreibt. Denn 50 Jahre vergehen sicher nicht, bis ich ihn wieder besuche.

Weltjugendtag

«Palmsonntag 1984»: ein Datum, das aus der neueren Geschichte der Katholischen Kirche nicht mehr wegzudenken ist. Papst Johannes Paul II. lud damals die Jugend der Welt nach Rom ein. Es war die „Geburtsstunde“ der Weltjugendtage.

Im Anfang regte sich Widerstand: Bischöfe sahen ihre Jugendarbeit in Gefahr, Umweltschützer die Ökosysteme, ein kommunistischer Bürgermeister verbot das Zelten im Park, und eine italienische Tageszeitung titelte: „Die Hunnen kommen“. Doch Papst Johannes Paul II. vertraute der Jugend und setzte sich durch.

Die grösste Versammlung der Menschheit mit 4 Millionen Menschen fand 1995 bei der Abschlussmesse des Weltjugendtags in Manila statt.

Vigil am Weltjugendtag 2013 in Rio de Janeiro

Die internationalen Weltjugendtage finden alle 2-3 Jahre irgendwo auf der Welt statt. Sie bestehen aber nicht nur aus der Abschlussmesse mit dem Papst. Schon vorher versammeln sich etliche 100’000 Jugendliche in der jeweiligen Stadt und nehmen an Katechesen, Messen, Gebeten, Anbetungen, Konzerten und geistlichen Gesprächen teil.

In den Jahren dazwischen gibt es Nationale Weltjugendtage. In der Schweiz sind sie nach Sprachregionen aufgeteilt und alle 3 Jahre treffen sich alle beim Nationalen Weltjugendtag.

Egal ob regional, national oder international: Immer steht die Feier des Glaubens im Vordergrund. Junge Leute erleben einmal nicht leere Kirchenbänke, sondern eine volle, lebendige Kirche. Dies ist eine Stärkung für das eigene Glaubensleben, von der man in Zeiten, wo man die einzige junge Person in einer Messe ist, zehren kann.

Zusammengefasst:

De Weltjugendtag isch die gröscht Glaubensparty vo de katholische Chile!

Grabspruch

Hier ruht Martin Krug, der Kinder, Weib und Orgel schlug.

So steht es in einem berühmten Grabspruch im österreichischen Kramsach in der Nähe von Innsbruck.

Viele haben ihn sich schon zu Lebzeiten gesichert und ihn im Testament festgeschrieben, ihren Grabspruch. Es gab sie schon im Alten Ägypten und im Römischen Reich. Und es galt immer eine Grundregel: De mortuis nihil nisi bene – Von Verstorbenen soll man nur Gutes sagen.

Angesichts des Todes verstummen die meisten Menschen. An den Grabsprüchen sieht man, dass die meisten in der Sprachlosigkeit angesichts des Todes ihre Kreativität verlieren. Dann wird aus einem sehr beschränkten Standardrepertoire geschöpft und kein persönliches Wort über den Verstorbenen verloren.

Im Mittelalter bis in die frühe Neuzeit war dies ganz anders. Der Gestaltungsfreiheit waren kaum Grenzen gesetzt. Der Sprachgebrauch ist dabei durchwegs unkorrekt. Emanzipatorisches Feingefühl sucht man vergeblich:

Unter diesem Stein
Liegt Hanna, das Weib mein.
Sie ging ohne Zweifel
In die Hölle zum Teufel;
Sollte sie aber im Himmel sein,
Möchte ich lieber nicht hinein.

Man merkt: Da wird es nun aber doch wieder zu persönlich und verletzend. Bei solchen Sätzen sehnt man sich nach der schlichten Schönheit und Tiefe der Grabsprüche wie man sie zum Beispiel beim Grab eines Kardinals aus dem 15. Jh. in Rom findet:

„Ut moriens viveret, vixit ut moriturus“, also: „Dass er, wenn er sterbe, lebe, lebte er wie einer, der sterben wird.“

Ostiarier

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an einen Türsteher denken? Wahrscheinlich ein muskelbepackter Hüne, der bei Konzerten und Partys oder vor Diskotheken und Klubs den Zugang kontrolliert.

Weniger denken Sie wahrscheinlich an ihren pensionierten Dorfpfarrer, der genau das aber einmal war – zumindest dem Titel nach und wenn er vor 1972 zum Priester geweiht wurde.

In diesem Jahr schaffte Papst Paul VI. die niederen Weihen ab –  bis dahin erhielt jeder, der Diakon und Priester werden wollte, zuvor fünf Beauftragungen zu unterschiedlichen liturgischen Diensten. Die erste Beauftragung war die zum Ostiarier, also zum „Türsteher“, was sich vom lateinischen Wort „Ostium“ für Türe ableitet.

Die Ostiarier sind seit dem 3. Jhd. bezeugt : Männer, denen die Sorge um das Kirchengebäude anvertraut war. Sie öffneten die Türen der Kirche und sollten sie schützen. Sie wiesen den Büßern und Ungetauften ihre Plätze zu und läuteten die Glocken.

Mit der Zeit verlor der Ostiarier seine praktische Bedeutung –  Symbolisch jedoch sind alle Christen, so Papst Franziskus bei einer Ansprache, zum Dienst des Ostiarius beauftragt. Denn sie sollen die Türen der Kirche öffnen und alle Menschen in ihr willkommen heißen. Denn anders als bei einem normalen Türsteher, betont der Papst weiter, hat es in der Geschichte der Kirche niemals ein Amt von jemand gegeben, der den Menschen die Türe vor der Nase zuschlägt.

Katakombe

Die Calixtus-Katakomben in Rom. (Bild: Daniela R.)

Rom im ersten Jahrhundert, Christenverfolgung, geheime Treffen, Märtyrer; ja klar: All das geschah in den Katakomben! Diese romantische Vorstellung mag schön sein, aber sie ist schlicht und einfach falsch. Nie waren die Katakomben ein Ort, wo sich Christen vor ihren Verfolgern versteckten. Sie waren einfach Grabstätten für die ersten Christen. Aus Platzmangel im antiken Rom haben die Christen begonnen, unterirdische Gänge zu graben, in denen die Toten begraben wurden.

Nach dem 5. Jhd. gerieten die Katakomben mehr und mehr in Vergessenheit, bis man durch die Ausgrabungen der Neuzeit ihre Bedeutung wieder schätzen lernte.

In der Geschichte der katholischen Kirchen im 20. Jhd. haben die Katakomben auch eine symbolische Bedeutung: Am 16. November 1965 fand in der Domitilla-Katakombe eine Bischofsversammlung statt, bei der eine wichtige Erklärung unterzeichnet wurde, der Katakombenpakt. 1962, einige Wochen vor Beginn des 2. Vatikanischen Konzils, hatte Papst Johannes XIII. das Leitmotiv des Konzils bekanntgegeben: Die Kirche sollte eine Kirche der Armen sein. Aber wie? Die Antwort von 40 Konzilsvätern war der Katakombenpakt, in dem Selbstverpflichtungen wie Armut, Einfachheit und das Leben wie die Armen formuliert wurden. Durch den Anschluss von 500 weiteren Bischöfen bekam der Pakt weltweites Gewicht.

Die Katakomben gewannen so einen Teil ihrer romantischen Atmosphäre wieder, weil dort eine mögliche Umsetzung des Konzils angedacht wurde.

Gretchenfrage

MARGARETE.
Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?
Du bist ein herzlich guter Mann,
Allein ich glaub‘, du hältst nicht viel davon.

Mit dieser Frage überrumpelt in Goethes Faust die Margarete – Gretchen genannt – ihren Geliebten den Heinrich Faust.

Als Goethe 1808 den Faust veröffentlichte, sind die grossen Konfessionskriege Geschichte. Die Aufklärung und die immer lauter werdenden Religionskritiker brechen mit alten Denkmustern. Goethes Faust ist bereits ein Kind dieser Moderne. Nicht von einem Gott, auch nicht von einer Konfession, ja nicht einmal von einer Kirche erzählt Faust der Margarete. Im Gegenteil, er drückt sich um eine Antwort:

FAUST.
Laß das, mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut;
Für meine Lieben ließ‘ ich Leib und Blut,
Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.

Faust will das Thema schnellst möglich wieder vom Tisch haben. In einer modernen Fassung könnte seine Antwort auf Gretchens-Frage lauten: Lassen wir das Thema. Über Religion spricht man nicht.

Heute versteht man unter einer Gretchenfrage, jemanden mit einer Frage in einer Sache zu einem Bekenntnis zu bringen, zum Ausdruck seiner Meinung in einem Thema zu drängen. In der Regel handelt es sich dabei um heikle, weil intime – aber gleichwohl um bedeutende Fragen.

In Zeiten von Tinder und ähnlichen Dating-Apps rücken die Gretchenfragen wieder stärker in den Fokus der von Goethe angedachten Alltagssituation:
Nun sag, wie hast du’s mit Geld, Treue und Gott? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub‘, du hältst nicht viel davon…